SERVAS Umfrage

Das Wiener Wirtshaus als gelebte Praxis und Gemütlichkeit als gemeinsamer Nenner

Wie soziale Interaktion, Tradition und Atmosphäre im Wirtshaus zusammentreffen und Gemütlichkeit zum verbindenden Erlebnis werden – ein Blick auf Wien und seine Dritten Orte.

Im Rahmen unseres Projekts SERVAS – Verein zur Förderung der Wiener Wirtshauskultur haben wir eine Umfrage gestartet: Die Teilnehmer:innen wurden gebeten, fünf Begriffe zu nennen, die sie spontan mit „Was ist (m)ein Wiener Wirtshaus?“ verbinden. Die Umfrage war anonym und über Social Media zugänglich.

Über 800 Begriffe wurden eingereicht, aus denen eine WordCloud erstellt wurde. Die am häufigsten genannten Begriffe spiegeln zentrale Elemente der Wiener Wirtshauskultur wider: Gemütlichkeit, Freundschaft, Essen, Bier, Tradition, Atmosphäre und Heimat. Besonders der Begriff „Gemütlichkeit“ wurde am häufigsten genannt.

Die Auswertung zeigt ein klares Bild: Zu den am häufigsten genannten Begriffen zählen Gemütlichkeit, Freundschaft, Essen, Bier, Tradition, Atmosphäre und Heimat. Besonders hervorzuheben ist, dass „Gemütlichkeit“ mit Abstand am häufigsten genannt wurde. Dieses Ergebnis verweist auf die zentrale Bedeutung eines Begriffs, der zugleich alltagsnah und wissenschaftlich schwer zu fassen ist.
 

Gemütlichkeit als kulturwissenschaftliches Konzept

Die Kulturwissenschaftlerin Prof. Brigitta Johanna Schmidt-Lauber (Universität Wien) beschreibt „Gemütlichkeit“ als ein vielschichtiges, kulturell geprägtes Phänomen. Es handelt sich dabei nicht um eine objektiv messbare Eigenschaft eines Raumes, sondern um ein relationales Konzept, das sich aus dem Zusammenspiel von räumlicher Gestaltung, sozialer Interaktion und individueller Wahrnehmung ergibt.

Gemütlichkeit entsteht demnach nicht allein durch Interieur, Beleuchtung oder Dekoration, sondern vor allem durch soziale Praktiken: durch Gespräche, wiederkehrende Rituale, gemeinsame Erfahrungen und ein Gefühl von Vertrautheit. Sie ist zugleich individuell erlebt und kollektiv geprägt – ein Beispiel dafür, wie kulturelle Bedeutungen im Alltag hergestellt und reproduziert werden.

Historisch betrachtet ist Gemütlichkeit eng mit der Entwicklung des bürgerlichen Lebens im 18. und 19. Jahrhundert verbunden, als sich das Private als Gegenraum zur Öffentlichkeit etablierte. In der Gegenwart jedoch tritt sie zunehmend auch in halböffentlichen Räumen auf – insbesondere dort, wo soziale Nähe und informelle Kommunikation möglich sind.


Das Wiener Wirtshaus als Ort gelebter Gemütlichkeit

Die Ergebnisse der SERVAS-Umfrage lassen sich vor diesem Hintergrund klar interpretieren: Das Wiener Wirtshaus wird nicht primär als funktionaler Gastronomiebetrieb wahrgenommen, sondern als sozialer Erfahrungsraum, in dem sich die Bedingungen für Gemütlichkeit verdichten.

Die häufig genannten Begriffe wie Freundschaft, Atmosphäre, Heimat und Tradition verweisen darauf, dass das Wirtshaus als ein Ort verstanden wird, an dem soziale Beziehungen gepflegt, kulturelle Praktiken gelebt und emotionale Bindungen aufgebaut werden. Essen und Trinken fungieren dabei weniger als Selbstzweck, sondern vielmehr als Medium sozialer Interaktion.

Das Wiener Wirtshaus kann somit als ein Raum beschrieben werden, in dem subjektive Empfindungen und kulturelle Erwartungen ineinandergreifen. Die empirischen Daten der Umfrage bestätigen damit eindrucksvoll die kulturwissenschaftliche These, dass Gemütlichkeit nicht gegeben ist, sondern im sozialen Miteinander entsteht.


Das Wirtshaus als „Dritter Ort“

Diese Beobachtungen lassen sich zudem im Kontext des Konzepts des „Dritten Ortes“ nach dem Soziologen Ray Oldenburg verorten. Dritte Orte sind Räume jenseits von Zuhause (erster Ort) und Arbeitsplatz (zweiter Ort), die durch niederschwellige Zugänglichkeit, soziale Offenheit und informelle Kommunikation gekennzeichnet sind.

Das Wiener Wirtshaus erfüllt diese Kriterien in besonderer Weise:

  • Es bietet einen offenen, nicht exklusiven Raum für unterschiedliche soziale Gruppen
  • Es ermöglicht regelmäßige Begegnungen und spontane Interaktionen
  • Es schafft Kontinuität durch Stammgäste und wiederkehrende Rituale
  • Es fördert ein Gefühl von Zugehörigkeit und sozialer Verankerung

In einer zunehmend individualisierten und digitalisierten Gesellschaft gewinnen solche Orte an Bedeutung, da sie analoge Begegnungsräume schaffen und damit einen wichtigen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt leisten.


Gemütlichkeit, Urbanität und kulturelles Erbe

Die Verbindung von Gemütlichkeit und Wiener Wirtshauskultur zeigt, dass es sich hierbei nicht um eine nostalgische Zuschreibung handelt, sondern um eine lebendige kulturelle Praxis, die auch im urbanen Alltag der Gegenwart verankert ist.

Das Wirtshaus fungiert in diesem Sinne als eine Art „Wohnzimmer der Stadt“ – ein Ort, an dem sich private und öffentliche Sphären überlagern und neue Formen von Gemeinschaft entstehen. Gerade diese Hybridität macht seine besondere kulturelle Bedeutung aus.

Die Ergebnisse der SERVAS-Umfrage unterstreichen somit nicht nur die emotionale Bindung der Menschen an das Wiener Wirtshaus, sondern liefern auch einen empirischen Hinweis auf dessen Funktion als sozialer, kultureller und identitätsstiftender Raum.


Ausblick und Einordnung

Die enge Zusammenarbeit von SERVAS mit der Fakultät für Europäische Ethnologie der Universität Wien ermöglicht es, diese Phänomene wissenschaftlich zu begleiten und weiter zu erforschen. Gleichzeitig stellt sie einen wichtigen Baustein im Kontext der geplanten Einreichung der Wiener Wirtshauskultur als immaterielles UNESCO-Kulturerbe dar.

Die vorliegenden Ergebnisse zeigen deutlich:
Gemütlichkeit ist kein dekoratives Beiwerk, sondern ein zentrales Strukturprinzip sozialer Räume – und das Wiener Wirtshaus ist einer ihrer prägnantesten Ausdrucksorte.

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