Im Rahmen des Projekts wurde eine qualitative Erhebung durchgeführt, um zentrale Assoziationen zu „(m)ein Wiener Wirtshaus“ zu erfassen. Die Teilnehmer:innen konnten spontan bis zu fünf Begriffe nennen, die sie mit dem Wirtshaus verbinden. Die daraus entstandene Auswertung zeigt ein klares Bild: Begriffe wie Freundschaft, Essen, Bier, Tradition, Atmosphäre und Heimat gehören zu den häufigsten Nennungen.
Besonders deutlich wird dabei die Rolle von Gemütlichkeit als verbindendes Element, das sich durch nahezu alle Assoziationsfelder zieht.
Gemütlichkeit als kulturwissenschaftliches Konzept
In der kulturwissenschaftlichen Forschung wird Gemütlichkeit als vielschichtiges Phänomen beschrieben. Sie entsteht nicht allein durch Einrichtung oder Dekoration, sondern im Zusammenspiel von räumlicher Gestaltung, sozialer Interaktion und individueller Wahrnehmung. Gespräche, wiederkehrende Rituale und gemeinsame Erfahrungen machen sie erfahrbar.
Historisch ist Gemütlichkeit eng mit dem bürgerlichen Leben des 18. und 19. Jahrhunderts verbunden; in der Gegenwart tritt sie zunehmend auch in halböffentlichen Räumen auf – dort, wo soziale Nähe und informelle Kommunikation möglich sind.
Das Wirtshaus als „Dritter Ort“
Im Sinne von Ray Oldenburg ist das Wirtshaus ein Raum neben Zuhause und Arbeitsplatz, der niederschwellige Begegnung, Austausch und Gemeinschaft ermöglicht. Es:
- bietet offene Räume für unterschiedliche soziale Gruppen,
- ermöglicht spontane Interaktionen,
- schafft Kontinuität durch Stammgäste und Rituale,
- fördert Zugehörigkeit und soziale Verankerung.
Solche Orte sind in urbanen, digitalisierten Gesellschaften besonders wichtig, da sie analoge Begegnung und sozialen Zusammenhalt ermöglichen.
Gemütlichkeit, Urbanität und kulturelles Erbe
Das Wiener Wirtshaus ist nicht nur ein Ort des Essens, sondern ein „Wohnzimmer der Stadt“, in dem private und öffentliche Sphären zusammenlaufen und neue Formen von Gemeinschaft entstehen. Gemütlichkeit ist hier eine gelebte Praxis, die Menschen verbindet und die Wiener Wirtshauskultur erfahrbar macht.
Im Projekt SERVAS wird diese Entwicklung dokumentiert und reflektiert – mit dem Ziel, die Bedeutung der Wiener Wirtshauskultur sichtbar zu machen.
Fazit: Gemütlichkeit ist kein dekoratives Beiwerk, sondern ein zentrales Strukturprinzip sozialer Räume – und das Wiener Wirtshaus ist einer ihrer prägnantesten Ausdrucksorte.

